Es sind oft die kleinen Momente, die uns als Väter am tiefsten berühren. Gestern Abend drehte meine Tochter Neele beim Zubettgehen den Spieß einfach um – nicht ich sollte ihr eine Geschichte erzählen, sondern sie wollte mir eine Geschichte schenken. Mit leuchtenden Augen und dieser besonderen Ernsthaftigkeit, die Kinder haben, wenn sie etwas wirklich Wichtiges mitteilen wollen, begann sie zu erzählen. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel ich verpasse, wenn ich nicht richtig zuhören als Vater übe.

Die Nacht des Fuchsräubers

„Es war einmal ein kleiner Fuchs“, begann Neele ihre Geschichte, „der konnte eigentlich immer gut einschlafen. Aber heute Nacht war alles anders.“ Ihre Stimme wurde leiser, geheimnisvoller. „Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass der Fuchsräuber unterwegs sei. Und jetzt konnte der Fuchs einfach nicht einschlafen.“

Illustration eines kleinen Fuchses, der nachts durch einen Wald läuft, mit großen wachen Augen und einem geheimnisvollen Schatten im Hintergrund.

Ich beobachtete, wie sie selbst ganz in ihre Geschichte eintauchte. Der kleine Fuchs, der sonst keine Probleme mit dem Einschlafen hatte, wanderte nun ängstlich durch den nächtlichen Wald. Auf der Suche nach einem sicheren Ort, an dem er zur Ruhe kommen könnte.

„Dann traf er im Wald ein Fohlen“, fuhr Neele fort, ihre Stimme wurde wieder heller. „Das Fohlen nahm ihn mit zu sich und bot ihm einen warmen Platz zum Schlafen an. Als der Fuchs immer noch nicht einschlafen konnte, fing das Fohlen an, ihm eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen.“ Sie machte eine kleine Pause und schaute mich mit einem verschmitzten Lächeln an. „Und weißt du, worum es in der Geschichte ging? Um einen Fuchs, der nachts nicht einschlafen konnte.“

Mit diesem unerwarteten Ende – einer Geschichte in der Geschichte, die wieder zur Ausgangsgeschichte zurückführte – schloss sie ihre Erzählung und schaute mich erwartungsvoll an.
Und ich saß da und dachte: Zuhören als Vater bedeutet manchmal, sich von einem Kind in eine Welt voller Symbole führen zu lassen.

Was Kindergeschichten uns über Zuhören als Vater verraten

Während ich über Neeles Geschichte nachdachte, wurde mir klar, wie viel in dieser einfachen Erzählung steckte. Der Fuchs konnte nicht schlafen – wie oft kämpft meine Tochter selbst mit Einschlafängsten? Der „Fuchsräuber“ als Sinnbild für all die diffusen Ängste, die Kinder haben und die in der Nacht oft größer werden. Und dann das Fohlen als Retter, als Trostspender.

Nahaufnahme von zwei Händen: die kleine Kinderhand ruht in der großen Vaterhand, sanftes Licht im Hintergrund.

Was mich besonders faszinierte, war die Endlosschleife, die sie eingebaut hatte. Das Fohlen erzählte dem Fuchs eine Geschichte über einen Fuchs, der nicht einschlafen konnte – genau wie er selbst. Vielleicht war es einfach ein cleverer erzählerischer Trick. Oder verarbeitete sie hier eigene wiederkehrende Ängste?

Als Väter neigen wir oft dazu, Probleme lösen zu wollen. Den Monster-Spray unter dem Bett zu versprühen oder zu versichern, dass es keine Gespenster gibt. Aber manchmal geht es nicht darum, Antworten zu geben, sondern einfach zuzuhören – und genau das ist Zuhören als Vater in seiner schönsten Form.

Mehr dazu, warum es so wertvoll ist, Kindern beim Erzählen zuzuhören, findest du auch hier.

Der verborgene Reichtum kindlicher Erzählungen

Diese kleine Gute-Nacht-Szene ließ mich über etwas nachdenken, das ich im Alltag zu oft vergesse: Kinder erzählen uns ständig Geschichten. Nicht nur ausgedachte Märchen, sondern vor allem Geschichten über sich selbst. Über ihre Freuden, Ängste und wie sie die Welt sehen.

Manchmal sind diese Geschichten offensichtlich – wenn sie vom Kindergarten erzählen oder von einem Streit mit dem Freund. Aber oft kommen die wichtigsten Botschaften verschlüsselt daher: in einem Satz, der nebenbei fällt. In einem Spiel, das sie immer wieder spielen wollen. Oder eben in einer erfundenen Geschichte.

Ein Vater sitzt nachdenklich mit einer Tasse Tee am Fenster, draußen sieht man die Nacht, im Hintergrund liegt ein Kinderbuch.

Ich ertappe mich leider viel zu oft dabei, wie ich nur mit halbem Ohr zuhöre. Mit Gedanken bei der Arbeit, beim nächsten Termin oder einfach bei dem Wunsch, endlich meine Ruhe zu haben, nachdem der Tag so anstrengend war. Doch genau dann verpasse ich vielleicht den Moment, in dem mein Kind mir etwas wirklich Wichtiges mitteilen will. Und genau hier zeigt sich, wie sehr es sich lohnt, Zuhören als Vater bewusst zu üben.

Auch Pädagog:innen betonen, wie wichtig es ist, Geschichten Raum zu geben – z.B. im Betzold-Blog.

Mein Kompass fürs Zuhören als Vater

Neeles Geschichte vom schlaflosen Fuchs hat mir wieder bewusst gemacht, wie wichtig echtes, tiefes Zuhören ist. Hier einige Gedanken, die mir dabei helfen:

  • Zeit und Raum geben: Nicht unterbrechen, nicht korrigieren oder „verbessern“, einfach die Geschichte fließen lassen
  • Die Symbolik beachten: Was könnte der Fuchsräuber in ihrer Welt darstellen? Welche Rolle spielt das helfende Fohlen?
  • Fragen stellen statt zu interpretieren: „Was hat der Fuchs wohl gefühlt?“ anstatt „Du hattest bestimmt auch mal Angst vorm Einschlafen“
  • Das Märchenhafte respektieren: Es muss nicht alles „Sinn machen“ oder eine Moral haben – manchmal ist eine Geschichte einfach nur eine schöne Geschichte
  • Die Erzählung wertschätzen: Kinder spüren, ob wir wirklich zuhören oder nur so tun

Wie du die Fantasie deines Kindes noch mehr anregen kannst, zeigen die Ideen von kukudu.at.

Zuhören als Vater – Geschichten als kleine Schätze

Ich glaube, es ist ein besonderes Privileg als Vater, diese Geschichten unserer Kinder zu sammeln. Sie sind kleine Schätze, die uns einen Einblick in die Seele unserer Kinder geben. Manchmal helfen sie uns, besser zu verstehen, was in unserem Kind vorgeht. Und manchmal sind sie einfach nur wunderbar kreative Momente, die uns zeigen, was für ein einzigartiges Wesen da mit uns durchs Leben geht.

In meinem Fall hilft mir das Aufschreiben dieser besonderen Momente. Nicht nur als Erinnerung für später, wenn Neele längst keine Gute-Nacht-Geschichten mehr erfindet, sondern auch als Brücke zu ihrer Gedankenwelt im Hier und Jetzt.

Ein kleines Notizbuch liegt offen, darin handschriftliche Notizen über Kindergeschichten, daneben ein Stift und ein Kinderfoto.

Die Geschichte vom schlaflosen Fuchs hat mich daran erinnert, dass es im Vatersein nicht nur ums Reden geht, sondern viel mehr ums Zuhören als Vater. Um das Verstehen der inneren Welten unserer Kinder, die manchmal viel komplexer und tiefgründiger sind, als wir denken.

Die nächste Gute-Nacht-Routine werde ich mit anderen Ohren erleben. Und vielleicht erfahre ich ja, ob der Fuchs in der Geschichte in der Geschichte doch noch einschlafen konnte.

Was erzählen dir deine Kinder, wenn du ihnen wirklich zuhörst? Welche überraschenden Einblicke hast du durch ihre Geschichten bekommen?